Woyzeck in Peking 13. Dezember 2017 – Veröffentlicht in: Aktuelles, Rezensionen

Das Buch „Zeitgenössisches Theater in China“ versucht auf 440 Seiten, eine Kartografie deutschen oder besser deutschsprachigen und chinesischen Theaterinteresses aus der Sicht des frühen 21. Jahrhunderts vorzustellen. Die drei Herausgeber, eine chinesische Theaterkünstlerin, eine deutsche Kulturjournalistin und Theaterkritikerin und ein deutscher Theaterwissenschaftler, Dramaturg des Paper Tiger Theater Studios Peking und Dramaturgie-Professor, haben sich zusammengefunden, um dieses Buch zu konzipieren. Dass die Veröffentlichung sechs Jahre gedauert hat, zeugt von einem langen Atem, Durchhaltevermögen sowie davon, wie arbeitsintensiv ein solches Buch ist, das in der Hauptsache Texte von deutschen und chinesischen Autoren versammelt. Der Band ist sehr ansprechend gestaltet, mit interessanten Fotos versehen und in Rubriken unterteilt wie „Philosophie, Kultur, Politik“, „Geschichte des modernen chinesischen Theaters“, „Theater der Gegenwart“ und „Transkulturelle Begegnungen“, ergänzt durch Vorwort, Einleitung und Danksagung, kurze Beschreibungen chinesischer Theatermacher, eine umfangreiche Bibliografie deutscher, englischer und chinesischer Quellen sowie ein Glossar.

Die Beitragssammlung unter dem Stichwort „Transkulturelle Begegnungen“ hat die dichteste inhaltliche Kohärenz, auch wenn nicht explizit erklärt wird, wie „transkulturell“ hier definiert wird. Basierend auf den Beiträgen könnte man annehmen, dass es sich dabei um staatlich organisierten Kulturaustausch handelt, finanziert von Deutschland, bei dem Stadt- und Staatstheatern eine große Bedeutung zukommt. Zusammengefasst werden hier nämlich hauptsächlich Theaterprojekte in Kooperation mit deutschsprachigen Theatern oder dem Goethe-Institut. Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit den Anfängen des deutsch-chinesischen Theateraustauschs als kulturpolitischem Projekt und fasst die historischen Hintergründe von Jürgen Flimms „Woyzeck“-Inszenierung am Volkskunsttheater Peking zusammen. Der Begriff „deutsch-chinesisch“ bezieht sich dabei auf die Bundesrepublik Deutschland vor der Vereinigung. Es hat natürlich auch eine andere deutsch-chinesische Geschichte des Theateraustauschs gegeben, mit der DDR.

In der Einleitung der drei Herausgeber mit dem Titel „Begrenzte Spielräume“ wird im ersten Satz beklagt, dass wichtige Orte der Pekinger Theaterszene wie das Living Dance Studio und das Paper Tiger Theater Studio verschwunden seien, nicht wegen politischer Zensurmaßnahmen, sondern wegen des entfesselten Immobilienmarkts. In Berlin sind sogar noch wesentlich mehr alternative Spielräume verschwunden in den letzten zwanzig Jahren, staatliche Theater wurden geschlossen (wie das Schiller Theater), und ein wirtschaftlich wie künstlerisch extrem erfolgreiches Theater wie die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wurde in ein globalisiertes Vergnügungsrondell verwandelt. Das Tacheles, ein interdisziplinärer Ort lebendiger Künste, ist zu einer Spekulationsruine verkommen und steht seit Jahren leer. In anderen deutschen Städten sieht es nicht viel besser aus. Diese Entwicklungen wären ein guter alternativer Anknüpfungspunkt für das Buch gewesen – stattdessen finden wir uns an manchen Stellen mit allzu vertrauten Stereotypen konfrontiert und mit alten Dichotomien wie Ost vs. West, demokratisch-freiheitlichkapitalistisch vs. oppressiv-kommunistisch, Individuum vs. Kollektiv und Kopie vs. Originalität, die noch nie gegriffen haben. Man muss nur den exzellenten Beitrag von Mark Siemons „Über die chinesische Kulturindustrie“ lesen, um eine Ahnung von der komplexen ökonomischen Vernetzung im Zeitalter von Globalisierung und Informationsgesellschaft zu bekommen. Diese Entwicklungen des neoliberalen Kapitalismus, obwohl spezifisch in China und Deutschland, sind doch Entwicklungen, durch die wir uns alle im selben Boot wiederfinden – während die Ozeane durch die globale Erwärmung uns bereits die Füße nässen. Besonders interessant sind Siemons’ Ausführungen zum Zusammenhang von Kulturindustrie, politischen Interessen und Immobiliengeschäften in China.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieses Buch ein wichtiges Dokument einer fluktuierenden Zwischenzeit ist, in der wir uns von alten Stereotypen des Ost-West-Konflikts verabschieden müssen und die neuen Komplexitäten und Realitäten kapitalistischer Globalisierung und digitaler Informationsgesellschaften zu spüren bekommen. Die Herausgeber machen diesen Übergang nicht zu einem expliziten Teil ihres Konzepts, aber die Zusammenstellung der Beiträge spricht eine beredte Sprache.

Rezension von Antje Budde, erschienen in Theater der Zeit 11/2017

 

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Zeitgenössisches Theater in China 中国当戏剧. Hrsg. von Cao Kefei, Sabine Heymann und Christoph Lepschy. Alexander Verlag, Berlin 2017, 440 S., 38 EUR

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