Ungeschliffene Murmeln 16. November 2017 – Veröffentlicht in: Aktuelles, Rezensionen

„Die Aristokraten“ heißt einer der jüngsten Theatertexte von Sasha Marianna Salzmann, ein klaustrophobisches Kammerstück über ein Geschwisterpaar. Zwillinge, die sich in einer Wohnung hoch über einer Stadt mal streicheln, mal zerfleischen, während die Stadt unten im kriegsähnlichen Chaos versinkt. „Außer sich“, der erste Roman der Theaterautorin, der es gleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, nimmt das Motiv der unentwirrbaren Geschwisterliebe der „Aristokraten“ auf, holt aber diese Liebe heraus aus der Abschottung, heraus aus einer Welt, die das Draußen nur vom Hörensagen kennt. Stattdessen wirft sie die Geschwister, Anton und Ali heißen sie im Roman, gnadenlos hinein in ein gewaltiges Panorama.

Es ist das Panorama ihrer Herkunft, der Herkunft einer jüdischen Familie in Europa. Weit verzweigt, unübersichtlich, durchzogen von Verfolgung, Ausgrenzung, Tod und Galgenhumor. Die Geschichte von Anton und Ali wird durchwebt von den Geschichten der Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Urgroßeltern. Geografisch pendelt der Roman zwischen Odessa, Czernowitz, Moskau, Istanbul und Berlin, zeitlich umspannt er ein ganzes Jahrhundert. „Alis Erinnerungen legten sich aufeinander wie Folien und verrutschten“, heißt es einmal. „Sie ergänzten und wider- sprachen sich, ergaben neue Bilder, aber sie konnte sie nicht lesen, auch Kopfschütteln brachte nichts.“ So liest sich „Außer sich“: wie ein Übereinander zahlreicher Ebenen – Geschichten, Orten, Ländern, Geschlechtern –, keine auserzählt, keine endgültig begriffen. Wobei es darauf, auf das Begreifen, auch gar nicht ankommt. Worauf es dem Roman viel- leicht ankommt: die Masse an Erlebtem, an verschiedenen Versionen von Erlebtem, nicht mit dem Kopf wegzuschütteln, sondern das Nicht-einordnen-Können auszuhalten.

Sasha Marianna Salzmann: „Außer sich“, Suhrkamp Berlin 2017, 365 Seiten, 22 Euro

Das Recht auf Uneindeutigkeit hat die Autorin, die ihre ersten Theatertexte noch als Marianna Salzmann veröffentlichte, in die Geschichte um Anton und Ali deutlich mit hineingeschrieben. Schon auf einem Kinder- foto ist Anton derjenige, der ein Kleid trägt, Alissa nennt sich lieber Ali. Anton verschwindet kurz nach Romanbeginn, die beiden sind inzwischen junge Erwachsene, aus Alis Leben. Nach Istanbul, wie Ali vermutet. Sie folgt ihrem Bruder dorthin, kommt bei einem Onkel unter. Bald beginnt sie, selbst dieser Bruder zu werden. Durch Testosteronspritzen. Dass Ali Anton am Ende in sich selbst finden wird, ist keine Überraschung: Schon viel früher im Roman hat sich, wo es um Ali geht, das „er“ in die Personalpronomen eingeschlichen. Kein Triumph, kein pompöses Aha-Erlebnis, sondern die unaufgeregte, logische Konsequenz einer langen Suche.

„Außer sich“ als „Conchita-Wurst-Effekt“ kleinzuschreiben, wie in der Zeit geschehen, ist dennoch bösartig und verfehlt. Sexualität ist nur eine Facette der Suche, die Ali im Roman umtreibt – nach dem vielgesichtigen Ding, das sich „Ich“ nennt. Die andere Facette tut sich langsamer, weniger vordergründig im Laufe der einhundert Jahre umspannenden 365 Seiten auf. Zu Beginn steigt Ali Anfang der neunziger Jahre als kleines Mädchen mit ihrer Familie in Moskau in den Zug, um nach Deutschland zu reisen. „Nach Hause“ heißt das Kapitel, in Anführungszeichen. Denn Ali, damals noch ein Kind, kennt diesen Ort – Deutschland – nicht, weiß zunächst nicht einmal, wohin es geht. „Außer sich“ kann als der Versuch gelesen werden, diese Anführungszeichen loszuwerden. Als die unsentimentale, ergebnisoffene Suche an Orten, auch in Sprachen (Deutsch, Russisch, Jiddisch, Türkisch), zwischen denen sich so etwas wie Herkunft auffächert. „Ich reihe meine Vielleichts aneinander“, heißt es einmal im Buch. „Kügelchen für Kügelchen, ungeschliffene Murmeln, die für keine vorzeigbare Kette reichen.“ „Außer sich“ feiert auf überfordernde, unerhört lebensbejahende Weise sein Vielleicht. Das Recht, nicht verortbar zu sein.

Rezension von Lena Schneider, erschienen in Theater der Zeit, Heft 11/2017

 

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