Theater und Migration 15. Juni 2018 – Veröffentlicht in: Aktuelles, Rezensionen

Der am Trinity College in Dublin lehrende Theaterwissenschaftler Stephen Wilmer war 2014/15 Fellow am Großprojekt Interweaving Performance Cultures der Freien Universität Berlin. So wurde er unmittelbar Zeuge der zahlreichen Aktivitäten deutscher Theater zum Thema Flucht, von denen in dieser Phase Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ (Thalia Theater Hamburg, eingeladen zum Berliner Theatertreffen) die am meisten beachtete, aber auch am kontroversesten diskutierte Arbeit war. Zumindest war das weitere Theaterschaffen zu diesem Thema danach reflektierter und im Einsatz von Betroffenen auf der Bühne auch um einiges umsichtiger. Wilmer hat nun eine erste umfassende Studie zu dem Komplex Theater und Migration bzw. Staatenlosigkeit vorgestellt, wie sich der englische Titel eigentlich übersetzen ließe. Der große Vorzug des Buches ist, dass es die aktuell-politische Perspektive sowohl methodisch als auch auf den geografischen Bereich angewandt wesentlich erweitert. Das Feld spannt sich von den Adaptionen griechischer Dramen, auf die typischerweise bei diesem Thema immer wieder zurückgegriffen wird (wie auch bei Jelinek), bis zu den naheliegenden Formen des dokumentarischen Theaters.

Geografisch verortet Wilmer die ausgewählten Untersuchungen von Dublin über die Niederlande bis nach Malta und belegt so ausführlich seine Eingangsthese, dass Migration eines der umstrittensten Themen unserer Zeit sei. Die auf das deutsche Theater bezogenen Teile – sie sind über das Buch verteilt, machen aber nahezu die Hälfte des Inhalts aus – sind wie eine Bestandsaufnahme und Chronik der Ereignisse zu lesen, was angesichts der zahlreichen Beispiele fast den Charakter eines den nötigen Überblick verschaffenden Handbuchs gewinnt. Dafür geht Wilmer bis zu Christoph Schlingensiefs Wiener Aktion „Ausländer raus!“ (2000) zurück oder verlässt mit dem Zentrum für Politische Schönheit das Theater gänzlich. Widersprüchen weicht Wilmer nicht aus und bezieht auch die kontroversen Einlassungen von Michael Thalheimer und Alvis Hermanis in seine Studie mit ein.

Das Kapitel über die institutionelle Antwort des deutschen Theaters stellt Shermin Langhoffs Maxim Gorki Theater in Berlin als „groundbreaking work“ in den Mittelpunkt. Wilmer erklärt zutreffend die Voraussetzungen im postmigrantischen Theater, beginnend im Ballhaus Naunynstraße, und würdigt ausführlich auch die Arbeit des Exil Ensembles des Gorki.

Es ist absehbar, dass eine solche Studie zu einem jeden Tag weiter wachsenden Feld mit ihren Beispielen schnell unvollständig oder durch andere bedeutende Arbeiten möglicherweise bald überholt sein wird. Trotzdem liegt hier ein gut lesbares theaterwissenschaftliches Grundlagenwerk vor allem über die Jahre 2015 bis 2017 vor, die in der deutschen und europäischen Geschichte auf lange Sicht wohl als Wendepunkt des Phänomens der Migration assoziiert werden dürften.

Rezension von Thomas Irmer, erschienen in Theater der Zeit 4/2018

 

 

Stephen Wilmer: Performing Statelessness in Europe Palgrave Macmillan, London 2018 254 Seiten, ca. 90 EUR

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