Krampf und Widerstand 13. Mai 2017 – Veröffentlicht in: Aktuelles, Rezensionen

Über die Möglichkeit und Notwendigkeit von Kunst in Diktaturen ist viel – man kann sagen: hinreichend viel – gesagt und geschrieben worden. Der Vorwurf, Russland habe sich in einen despotischen Staat verwandelt, ist populär, vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen; doch schwingt bei dieser Anschuldigung stets auch politisches Kalkül mit. Der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski meint es ernst, wenn er seine Kunst als dringliche Intervention gegen einen unterdrückerischen Machtapparat versteht, allerdings aus einem anderen Bewusstsein heraus: Ihm ist jede Form von Machtausübung eine nicht hinzunehmende Freiheitsbeschneidung. Seine Arbeiten macht es umso spannender, dass er nicht affirmativ das System der westlichen Demokratien als Utopie für ein neues Russland verkauft.

Seine überaus bildmächtigen, sehr körperlichen Aktionen, vom Zunähen des eigenen Mundes bis zum Anzünden der Tür vom Sitz des russischen Geheimdienstes FSB (siehe auch TdZ 02/2016), schaffen eine enorme mediale Aufmerksamkeit. So kommt etwa am 16. März Irene Langemanns Film „Pawlenski – Der Mensch und die Macht“ in die Kinos. Im letzten Jahr konnte nach erheblichen Widrigkeiten ein Buch von und über Pawlenski in Russland erscheinen. Dessen deutsche Übertragung wurde, durch verschiedene Materialien erweitert, nun im Akkord in – erstaunlicherweise – drei Büchern in drei Verlagen zugänglich gemacht. Bemerkenswert ist besonders der schmale Band „Der bürokratische Krampf und die neue Ökonomie politischer Kunst“, der mit einem gleichnamigen Essay eröffnet. Hier legt der Künstler im Einzelnen dar, wie staatliche Macht die individuelle Freiheit beschränkt und Kunst dagegen ankämpfen muss. Diese Erkenntnisse sind nicht ganz neu und vor allem weitaus weniger eindrücklich als etwa eine Aktion wie „Kadaver“, bei der Pawlenski sich, nackt in Stacheldraht eingewickelt, vor das Petersburger Stadtparlament legte. Hier wurde die Hilflosigkeit des Einzelnen erst sichtbar gemacht und dann das Machtgefüge umgekehrt, als sich die Polizisten einer Situation ausgesetzt sahen, in der jeder Eingriff eine enorme Verletzung des Künstlers bedeutet hätte und sie nichts anderes zu tun wussten, als ihn mit einem Tuch zu bedecken.

Ausgesprochen lesenswert hingegen ist der zweite Teil des Buches. Nach Pawlenskis Aktion „Freiheit“ (russisch/ukrainisch: svoboda, gleichlautend mit dem Namen der nationalistischen ukrainischen Partei), bei der er am russischen „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ 2014 ein Reenactment des Kiewer Euromaidan mit der Errichtung von Barrikaden in Petersburg versucht hatte, wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn aufgenommen. Innerhalb von drei Monaten wurde er dreimal verhört: Diese Gespräche zwischen ihm, seinem Anwalt und dem Ermittler hat der Aktionskünstler aufgezeichnet. Dass während des Verhörs vor allem vom Wesen der Kunst und von der Macht die Rede war, erstaunt bei der Lektüre und zeigt, wie ernst Pawlenski und wie ernst Kunst in Russland genommen wird. Den Vorwurf des Vandalismus weist er zurück: „Das, was politische Kunst ausmacht, ist die Arbeit mit verschiedenen Werkzeugen, beispielsweise den Massenmedien, gewissermaßen ist es Propaganda, Einflussnahme auf das Denken der Menschen.“

Ein solches Verhör auf die Bühne zu bringen, wie es beispielsweise das Moskauer teatr.doc getan hat, mag ein naheliegender Gedanke sein; er erweist sich aber doch als unsinnig. Nicht jeder kluge Text, auch nicht, wenn er dialogisch ist, hat ein Potenzial für das Theater. Der Ermittler verlangt nach Informationen, Pawlenski will seinen Standpunkt deutlich machen – ein theatraler Stoff ist das nicht.

Pawlenski, der Herrschaft immer wieder zum Gegenstand seiner Kritik macht, scheint selbst erheblichen Einfluss auf die Menschen auszuüben. Der Ermittler hat nach den Verhören sein Amt niedergelegt und sogar angeboten, Pawlenski vor Gericht zu verteidigen. Immer wieder gelingt es dem Performancekünstler, die Macht vorzuführen.

Zuletzt wurde ihm freilich aus einem anderen Grund Öffentlichkeit zuteil, und er wähnt sich nun selbst als Opfer einer Inszenierung. Im Januar ist er mit seiner Familie ins Pariser Exil gegangen, während in Russland ein Strafverfahren gegen ihn und seine Lebensgefährtin wegen sexuellen Missbrauchs aufgenommen wurde. Das vermeintliche Opfer, das Pawlenski für eine bezahlte Agentin hält, ist ausgerechnet eine Schauspielerin des teatr.doc.

Rezension von Erik Zielke, erschienen in Theater der Zeit 03/2017

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Pjotr Pawlenski: Der bürokratische Krampf und die neue Ökonomie politischer Kunst. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Wladimir Velminski, Merve Verlag, Berlin 2016, 128 S., 12,00 EUR

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