Festgehaltene Erinnerungen 12. Februar 2018 – Veröffentlicht in: Aktuelles, Rezensionen

Gewiss, Theater auf DVD ist bloß noch halbes Theater. Eher eine Dokumentation dessen, was einmal die Bühne – und vor allem den Kopf und die Seele des dabei gewesenen Zuschauers – beherrschte. Doch ohne diese Aufnahmen wäre das Gedächtnis ohne Stütze und ginge nicht selten fehl. Das Wiedersehen ist lehrreich – weil erschütternd, eine Wiederbegegnung mit Schauspielern auf dem Höhepunkt ihrer Ausdruckskraft, von denen viele inzwischen längst nicht mehr leben, wie Inge Keller, Fred Düren und Ulrich Mühe. Aufgenommen wurden die Inszenierungen sämtlich in hoher Qualität – in DDR-Fernsehfassungen.

Dies ist nun die vierte der von Hans-Dieter Schütt herausgegebenen DVD-Boxen – mitsamt hochreflexiver Booklet-Texte, die einen Theaterkenner aus Passion zeigen. Die erste enthielt unter anderem zwei Schatrows, die legendären „Blauen Pferde auf rotem Gras“ (Berliner Ensemble 1980) und „Diktatur des Gewissens“ (Deutsches Theater 1989), dazu Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ (Gorki Theater 1990). Der folgende Teil bot den kompletten „Wallenstein“, in der Inszenierung von Friedo Solter 1979 am Deutschen Theater.

Nun also die vierte Ausgabe des „Großen Berliner Theaters“, die drei Inszenierungen enthält, die als Hommage an starke Frauen überschrieben sind. Nun ja, das auch – aber „Drei Schwestern“ (mit Inge Keller, Regie Heinz Hilpert, Deutsches Theater 1960), „Der Menschenhasser“ (mit Angelica Domröse, Regie Fritz Marquardt, Volksbühne 1979) und „Egmont“ (mit Ulrike Krumbiegel und Christine Schorn, Regie Friedo Solter, Deutsches Theater 1986) sind mehr: ein Blick auf das, was Theater einmal war – eine gesellschaftsrelevante Größe, an der auch die Schauspieler wuchsen. „Egmont“ ist vielleicht künstlerisch am interessantesten. Es beginnt fast volkstümlich brav, geht sehr in die Breite und ins Detail, um dann – mit dem Auftreten von Ulrich Mühe als Prinz Egmont – urplötzlich zum Ende hin renaissanceriesenhaft aus der schmalen Hauptigur herauszubrechen. Mühe, der Ekstatiker, der Grenzen sprengte – wer ihn auf der Bühne erlebte, war hinterher ein anderer, mit ganz neuen Vorstellungen von dem, was menschenmöglich ist. Man sollte dies sehen, des einmaligen Ulrich Mühe wegen, der sich vor wütender Sensibilität fast selbst zerriss. Mühe war wie Egmont: ein Hoffnungsträger, der nicht einlösen kann (oder will?), was andere von ihm erwarten. Man bedenke den Satz von Heiner Müller über „seinen“ Schauspieler: „Ein x-beliebiger Schauspieler zeigt auf den Mond und sagt: Das ist der Mond! – Ulrich Mühe kann die Entfernung zum Mond spielen.“ Welch unruhevolle Erinnerung an einen einmaligen Schauspieler.

Rezension von Gunnar Decker, erschienen in Theater der Zeit 2/2018

 

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Großes Berliner Theater – Vol. 4. Hommage an starke Frauen – große Schauspielerinnen. Drei Schwestern – Der Menschenhasser – Egmont. Hg. von Hans­Dieter Schütt Studio Hamburg Enterprises, Hamburg 2017 3 DVDs, 397 Minuten, 29,99 EUR

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